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Das Arbeitshaus Breitenau 1874 - 1949
 

Zeichnung des Klosters ca. 1880

In dem ehemaligen Benediktinerkloster Breitenau in Guxhagen war 1874 ein Arbeitshaus mit der Bezeichnung "Korrektionsanstalt" eingerichtet worden. Es diente zur Inhaftierung von Menschen, die als "arbeitsscheu" galten: Bettler, Landstreicher, Obdachlose oder auch Frauen, die wegen Prostitution verurteilt waren. Sie sollten dort "korrigiert" also "gebessert" werden, daher auch die Bezeichnungen Korrigenden und Korrigendinnen. In der Realität hatte die Arbeitshaushaft allerdings wenig mit "Besserung" oder gar "Hilfestellung für ein besseres Leben" zu tun, sondern sie bestand in Demütigung und Bestrafung der Insassen und in Abschreckung nach außen. Die Drohung, dort eingesperrt zu werden, sollte die Menschen in der Gesellschaft von einem ähnlichen "Lebenswandel" abhalten, und diejenigen, die dennoch als Bettler, Obdachlose oder Landstreicher leben mußten, wurden in vielen Fällen verhaftet und drastisch bestraft. Daß es sich bei ihnen häufig um Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse handelte, war durchaus schon in der Kaiserzeit bekannt, änderte aber nichts an diesem Vorgehen. Die Folge war, daß viele Bettler und Obdachlose immer wieder verhaftet und mehfach in Arbeitshäuser eingewiesen wurden.
Die Zustände im Arbeitshaus Breitenau glichen eher denen eines Zuchthauses. So mußten die Arbeitshausgefangenen in Breitenau Häftlingskleidung tragen. Sie waren streng nach Männern und Frauen getrennt und mußten noch bis 1918 an sechs Tagen in der Woche 12 Stunden am Tag arbeiten. Sie wurden auf dem Gelände des Arbeitshauses in verschiedenen Werkstätten eingesetzt oder auch an Bauern, Firmen oder Kommunen als Arbeitskräfte "vermietet", so z.B. zu Ernteeinsätzen, in einer Mattenproduktion oder bei Forstarbeiten. Hierzu zogen morgens Gefangenenkolonnen unter Bewachung aus der Anstalt aus und kehrten abends wieder zurück. Neben dem Arbeitszwang gab es zahlreiche Verbote und bei Verstößen ein umfangreiches Strafsystem. Die Hausordnung von 1874 verbot den Korrigendinnen und Korrigenden z.B. den Besitz von Schreibzeug und heimliches Briefeschreiben, Rauchen, Tabakschnupfen, direktes Anreden des Direktors und jeden Kontakt zwischen männlichen und weiblichen Korrigenden, außerdem "unanständiges und irreligiöses Reden, Fluchen, Schimpfen, Singen und Pfeifen." Härteste Strafe war ab 1902 ein mehrwöchiger Arrest in einer Strafzelle, der noch durch zeitweiliges Anketten, Verdunkeln der Zelle, Entzug der normalen Kost und des Bettzeugs (sprich Matratze und Decke) verschärft werden konnte. In der Kaiserzeit konnte die Arbeitshaushaft bis zu zwei Jahren dauern und war sehr gefürchtet. Erschreckend deutlich wird dies in einer Eintragung des damaligen Gemeindepfarrers in der Kirchenchronik, in der er über die Arbeitshaushaft schrieb, daß sie "für gar manchen das Schlimmste gewesen sei, was ihm außer der Todesstrafe wiederfahren konnte." Insgesamt wurden während der Kaiserzeit 9173 Männer und Frauen in das Arbeitshaus eingewiesen; die Männer vor allem wegen Bettelei, Landstreicherei und Obdachlosigkeit, die Frauen vor allem wegen Prostitution.
Arbeitshausgefangene In der Weimarer Republik wurden in Breitenau verschiedene Reformansätze durchgeführt, um den Insassen das Leben erträglicher zu machen, und an die Stelle des Strafcharakters sollten fürsorgerische Maßnahmen treten, um den Insassen auf dem Weg in eine bessere Zukunft zu helfen. Vor allem der sozialdemokratische Kommunallandtagsabgeordnete Ludwig Pappenheim setzte sich stark für Reformen ein und betonte, daß die Korrigenden und Korrigendinnen nicht zur Strafe in der Korrektionsanstalt seien, sondern, "wie der Name schon sagt, zur Besserung." Eine wichtige Veränderung war die Reduzierung der Arbeitszeit auf 8 Stunden täglich und insgesamt 47 Stunden in der Woche. Den Korrigenden wurde erstmals gestattet, in begrenztem Umfang Tabak zu rauchen, es wurden kulturelle Veranstaltungen abgehalten und auf dem Gelände ein Sportplatz für die Insassen gebaut. Entscheidend war aber vor allem, daß ein Umdenkungsprozeß stattfand: es wurde erkannt, daß die Bettler und Landstreicher nicht unbedingt deshalb straffällig geworden waren, weil sie "arbeitsscheu" waren, sondern daß dabei soziale Faktoren eine große Rolle spielten und daß für ihre Integration in die Gesellschaft mehr zu tun sei, als sie einige Monate zur Arbeit zu zwingen. Durch Gesetzesänderungen und Liberalisierungen wurden gegen Ende der Weimarer Republik immer weniger Korrigenden und Korrigendinnen nach Breitenau eingewiesen, und schließlich stand die Anstalt fast leer.
Im Frühjahr 1933, unmittelbar nach der Machtübernahme der Nazis, setzte in Deutschland eine großangelegte Verhaftungswelle von politischen Gegnern (Sozialdemokraten, Kommunisten, Gewerkschaftern) durch SA-Einheiten ein. Die Gefängnisse waren bald hoffnungslos überfüllt, und daraufhin wurden die ersten (damals noch regionalen) Konzentrationslager eingerichtet. Die Behörden griffen dabei in vielen Fällen auf vorhandene Gebäude zurück, und für den Kasseler Polizeipräsidenten bot sich das fast leerstehende Arbeitshaus Breitenau an. Ab dem Juni 1933 wurde dort schließlich auf die Dauer von 9 Monaten ein Konzentrationslager für politische Gegner (unter denen sich auch einige Juden befanden) eingerichtet. Unter den Gefangenen befand sich auch Ludwig Pappenheim. Er wurde anschließend von Breitenau in eines der sogenannten Moorlager (bei Papenburg) gebracht und dort ermordet.
Aber nicht nur politische Gegner und Juden wurden von den Nazis verhaftet. Ab September 1933 wurde in einer vom Propagandaministerium initiierten Großrazzia im gesamten Reichsgebiet Jagd auf wohnungslose Menschen gemacht und über einhunderttausend Menschen festgenommen. Die Folge war, daß auch in Breitenau die Einweisungen von Korrigenden und Korrigendinnen sprunghaft anstiegen. Die in der Weimarer Republik begonnenen Ansätze, für die Insassen menschlichere Verhältnisse zu schaffen, wurden in der NS-Zeit rigoros zurückgenommen. So mußten die Arbeitshausgefangenen ab 1939 wieder 11 Stunden und ab 1942 sogar 12 Stunden an sechs Tagen in der Woche arbeiten. Während es in der Weimarer Republik Ansätze gab, die Insassen als Opfer der sozialen Verhältnisse zu sehen, denen durch fürsorgerische Maßnahmen geholfen werden sollte, wurden sie in der NS-Zeit zu "Volksschädlingen" erklärt, von denen die "Volksgemeinschaft" zu befreien sei. Bei allen wiederholt in ein Arbeithaus eingewiesenen dauerte die Unterbringung nun "solange es ihr Zweck erfordert", also unter Umständen bis zum Tod. Die Arbeitsanstalt Breitenau wandelte sich dadurch von einer Einrichtung mit befristeter Inhaftierung zu einer Dauerbewahranstalt für "asoziale Volksschädlinge". Einzelne Korrigenden, denen man nichts weiter als Bettelei vorgeworfen hatte, mußten während des Nationalsozialismus fast zehn Jahre in Breitenau bleiben. Auf der Grundlage des 1933 erlassenen "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" wurden auch Korrigenden aus Breitenau zwangssterilisiert.
Ende der dreißiger Jahre gingen die Polizeibehörden dazu über, viele Bettler, Landstreicher und Wohnungslose direkt in Konzentrationslager einzuweisen, wodurch in Breitenau die Einweisungen von Korrigenden und Korrigendinnen erneut drastisch zurückging. Aufgrund der freigewordenen Anstaltskapazität wurde dort im Sommer 1940 von der Gestapo Kassel ein Straflager, ein sogenanntes "Arbeitserziehungslager" für Gestapo-Gefangene (ausländische Gefangene und Deutsche, unter denen sich auch Juden befanden) eingerichtet. Es kam zu katastrophalen Haftbedingungen, unter denen auch die verbliebenen, meist älteren Korrigenden und Korrigendinnen leiden mußten. Die langen Arbeitszeiten und die schlechte Ernährung trieb die Sterblichkeit in die Höhe. Von den am Jahresbeginn 1942 inhaftierten 105 Korrigenden starben bis Kriegsende 43 in der Anstalt. Insgesamt wurden in der NS-Zeit 1023 Korrigenden und Korrigenden in das Arbeitshaus Breitenau eingewiesen.
Klosterkirche zur Zeit des Arbeitshauses (ca. 1920) Die Befreiung durch die Amerikaner am Ostersamstag 1945 stellte nur eine kurze Unterbrechung der Arbeitshaustradition Breitenaus dar. Bereits ein Jahr später, im April 1946, wurde der Betrieb der Landesarbeitsanstalt wieder aufgenommen, und kurz darauf wurden erneut Korrigendinnen und Korrigenden eingewiesen. In der Befreiung durch die Amerikaner sah die Arbeitshausverwaltung lediglich eine "kriegsbedinge Entlassung" und in mehreren Schreiben hieß es, daß die Korrigenden "unberechtigterweise" ihre Freiheit erlangt hätten. Im Gegensatz zu früher, als überwiegend männliche Korrigenden nach Breitenau kamen, wurden nun aber vor allem junge Frauen als Korrigendinnen eingewiesen, die polizeilich nicht gemeldet waren und mit Besatzungssoldaten zusammenlebten. Die Arbeitshaushaft war nun weniger ein Mittel, Obdachlose zu bestrafen, als vielmehr dem "unsittlichen Treiben" dieser jungen Frauen ein Ende zu bereiten.
Erst drei Jahre später, am 1. April 1949, wurde das Arbeitshaus Breitenau auf Veranlassung der amerikanischen Militärbehörde endgültig geschlossen. Das letzte Arbeitshaus in der BRD, das Arbeitshaus Brauweiler bei Köln, bestand allerdings noch bis 1968, und endgültig aufgehoben wurden die Paragraphen zur Arbeitshauseinweisung erst in der Zeit von 1969 bis 1974. (...) Einige Strukturen haben sich aber bis in die Gegenwart erhalten: So sind bis heute die Korrigenden und Korrigendinnen, die in der NS-Zeit in Breitenau inhaftiert waren und sogar die KZ-Gefangenen, die als sogenannte "Asoziale" verhaftet wurden, nicht als NS-Verfolgte anerkannt und haben keinen Anspruch auf Entschädigung. Sicherlich - es ist heute nicht mehr strafbar ist, unter einer Brücke zu übernachten oder für Essen zu betteln, aber die Einstellung diesen Menschen gegenüber ist doch häufig ablehnend bis aggressiv in dem Sinne: "Die sind doch selbst Schuld", "Wer arbeiten will, der findet auch welche", "Die sollte man mal richtig zum Arbeiten bringen". Die gesellschaftlichen und familiären Ursachen werden dabei sehr leicht aus dem Auge verloren.
 
Gunnar Richter
 

weiterführende Literatur: