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Das Mädchenerziehungsheim "Fuldatal"
 

Klosterkirche zur Zeit des Mädchenheimes (ca. 1970) Das Mädchenerziehungsheim mit der Bezeichnung "Landesjugendheim Fuldatal" wurde im März 1952 eingerichtet. Im Laufe der kommenden Jahre wurden verschiedene Um- und Ausbauten des ehemaligen Anstaltsgeländes vorgenommen und der Zustand hergestellt, der heute noch weitgehend erhalten ist. (...) Im Hauptgebäude (dem Mittelschiff der Klosterkirche) erfolgte ein Umbau der oberen beiden Etagen in kleinere Zimmer für die Mädchen. Außerdem wurden am Ende jeder Etage zwei "Beruhigungszellen" eingerichtet. Der Saal im ersten Stock diente als Veranstaltungsraum. Die Eisengitter an den noch erhaltenen Gebäuden wurden größtenteils entfernt und durch speziell gesicherte Fenster ersetzt.
Zu dem Landesfürsorgeheim gehörten weiterhin eine Landwirtschaft mit 50 Kühen und 200 Schweinen, zwei Wälder, die Gärtnerei, Schneiderei, Bäckerei und Wäscherei.
Spätestens Ende der 60-er Jahre gab es noch eine Puppenwerkstatt, eine Spielwarenherstellung, eine Kartonage und eine Lehrküche.
In dem Fürsorgeheim befand sich das Jugendheim für die eingewiesenen Fürsorgezöglinge, eine Gruppe für minderjährige Mütter und ein Altersheim. Bei den eingewiesenen Fürsorgezöglingen handelte es sich um Mädchen und junge Frauen zwischen 14 und 21 Jahren. Sie stammten überwiegend aus sozial schwachen Familien, waren zum Teil schon in anderen Erziehungsheimen gewesen und galten als besonders verhaltensauffällig und "gefährdet".
Über den Anspruch der Fürsorgeerziehung schrieb der Landeswohlfahrtsverband in einer Broschüre aus dem Jahre 1956: Die FE (Fürsorgeerziehung, d. Verf.), so, wie sie vom Landeswohlfahrtsverband durchgeführt wird, hat nichts mehr gemein mit dem Strafvollzugs-Ersatz, aus dem sie Ende des vorigen Jahrhunderts hervorgegangen ist. Sie ist nicht mehr 'Strafe' für kriminelle und asoziale Jugendliche, sondern echte vorbeugende und heilende Erziehungshilfe. Es gibt auch keine 'Zwangserziehungsanstalten' früherer Prägung mehr. Die 'Anstalten' sind ihrem Aussehen und in ihrer Methodik modernen Heimen gewichen."
Sportfest im Mädchenheim Im Jahre 1956 waren 150 Mädchen im Landesjugendheim "Fuldatal" untergebracht. Ende 1969, als sich dort etwa 80 Mädchen befanden, geriet das Mädchererziehungsheim in massive öffentliche Kritik. Ausgelöst wurden die Auseinandersetzungen durch eine im August 1969 vom Marburger Institut für Sonderschulpädagogik in Breitenau durchgeführte Untersuchung über Legastheniker. In dem anschließenden (vorläufigen) Untersuchungsbericht wurden nicht nur die Lese- und Schreibschwächen der Mädchen analysiert, sondern massive Vorwürfe gegen die Verhältnisse im Jugendheim Fuldatal erhoben. Der untersuchende Lehrer war zu dem Ergebnis gekommen, daß die meisten der dort untergebrachten Jugendlichen mehrfach geschädigt seien. Sie hätten zum Teil stärkste psychische Störungen, und es kämen laufend Selbstmordversuche vor. Einige der Jugendlichen befänden sich an der Grenze der theoretischen Bildsamkeit. Um diesen Jugendlichen zu helfen und sie zu rehabilitieren, sei eine gezielte erzieherische und therapeutische Behandlung dringend erforderlich. Es gebe im Jugendheim jedoch weder einen Heilpädagogen noch einen Psychologen. Das dortige Personal sei den Aufgaben in keiner Weise gewachsen, und eine wirkliche Erziehung fände dort nicht statt. Stattdessen herrsche ein "Vergeltungsstrafrecht" mit allen möglichen und unmöglichen Härten und Schikanen. "Ordnung und sinnlose Arbeit" seien die Höchstwerte dieses "Erziehungsvollzuges" Es gebe keine Lehrstellen, keine positiven Angebote wie Erziehung, Berufsbildung, Information, Therapie und keine Einübung sozialer Fertigkeiten. Durch diesen Erziehungsstil würden die bereits milieugeschädigten Jugendlichen zusätzlich desozialisiert.
Auf einer Mitte November 1969 stattfindenden Pressekonferenz im Jugendheim wurde der generelle Vorwurf, die Mädchen nicht genügend auf das Leben draußen vorzubereiten zwar energisch zurückgewiesen, aber zahlreiche Kritikpunkte konnten nicht entkräftet werden: Die Mädchen arbeiteten in der Tat für die Industrie, im Kuh- oder Schweinestall, auf dem Felde und in der Küche. Daneben gab es allerdings eine Heimberufsschule mit praxisbezogenen Fächern wie Gesundheitserziehung, Ernährungs- und Nahrungsmittelkunde, Hauspflege, hauswirtschaftlichem Rechnen, Sozialkunde und Lehrwerkstätten. Die Führung des Heimes richtete sich, wie es hieß, nach den Richtlinien des Landesjugendwohlfahrtsausschusses. Diese müßten vor Jahrzehnten entstanden sein, bemerkte dazu der Chefreporter der Hessischen Allgemeine, denn im Heim sei verboten: "zu rauchen, eigene Sachen zu verschenken oder zu tauschen, sich zu schminken, zu pfeifen, zu tanzen, laut zu reden. Bis vor Wochen gab es keine Tageszeitung. Jetzt soll bald eine ins Heim kommen. (...) An jedem zweiten Sonntag dürfen Briefe geschrieben werden. Die eingehende Post wird generell kontrolliert, Pakete werden im Beisein der Erzieher geöffnet. "
Bei der Einweisung kamen die Mädchen zunächst für ein paar Tage in die Krankenstation (Isolierstation). Die Ergebnisse der ärztlichen Untersuchung hätten es notwendig gemacht, diese Einrichtung beizubehalten. Als Strafen gab es u.a. Abzüge vom Taschengeld. "Nur ganz selten - in letzter Zeit überhaupt nicht mehr - mußten sie einmal ins 'Besinnungsstübchen', in eine Einzelkammer mit einem Holzbretterbett. Worauf sich die Mädchen in diesem kargen Raum besinnen sollten, wußten die angesprochene Erzieherin indessen selbst nicht zu sagen. Aber sie wußte etwas anderes. 'Der Raum ist nun einmal vom Baulichen her da', sagte sie."(FR 15.11.1969) Bei dem angesprochenen Raum handelte es sich um die mittlere der im Turm vorhandenen Isolierzellen. Nach Aussage von ehemaligen Fürsorgezöglingen wurden dort Mädchen zum Teil mehrere Tage eingesperrt. Die Ausstattung bestand aus der Holzpritsche ohne Matratze, einem Kopfkissen, einer Decke, einem Schemel mit Waschschüssel und einer Closchüssel. Als weitere Strafen habe es den Entzug von Essen, Streichung der Besuchszeiten und Verlängerung der Heimunterbringung gegeben.
Der vorläufige Untersuchungsbericht des Marburger Instituts enthielt auch eine Reihe von Forderungen, um die Situation der Fürsorgezöglinge aber letztendlich auch des Personals zu verbessern. Gefordert wurden u.a. pädagogisch ausgebildete Erzieherinnen, heilpädagogisch ausgebildete Kräfte für Diagnostik und Therapie und Fürsorgerinnen, die mit Einzelfallhilfe vertraut sind. In einem Schreiben an die Präsidentin des Landeswohlfahrtsverbandes bot das Institut für Sonderschulpädagogik außerdem seine Mitwirkung bei der fachlichen Schulung des Breitenauer Personals an.
In der Mitte November 1969 stattgefundenen Pressekonferenz gestand ein Vertreter des Landeswohlfahrtsverbandes schließlich auch ein, daß es an geeigneten Heimerziehern fehle und insgesamt fünf Stellen offen seien. Das Problem sah der damalige Landesrat vor allem darin, daß hoch qualifizierte Fachleute einfach nicht zu finden seien. "Sie gehen wohl auch nicht nach Guxhagen, weil es hier keine Nebentätigkeiten und keine Privatstation mit Privatbetten gibt." Gerade diese Aussagen machen deutlich, daß es sich bei den Zuständen im Jugendheim weniger um ein spezielles Problem der dortigen Erzieherinnen handelte - die sicherlich eine schwierige Arbeit leisteten und zum Teil überfordert waren - sondern vielmehr um ein gesellschaftliches Problem im Umgang mit den Außenseitern, das sich wieder einmal an diesem Ort kristallisierte. Dies wird z.B. auch daraus ersichtlich, daß viele der aufgeführten Kritikpunkte und Forderungen sich mit denen deckten, die bereits 50 Jahre zuvor für die Fürsorgezöglinge in Breitenau u.a. durch Ludwig Pappenheim erhoben worden waren. (...)
Demonstration gegen die Zustände im Mädchenheim Der Untersuchungsbericht aus Marburg gelangte im Oktober 1969 an die Öffentlichkeit und führte zu einer großen Pressekampagne, die überaus emotional geprägt war. Nicht nur in der nordhessischen Presse, sondern auch in der Frankfurter Rundschau und im SPIEGEL erschienen Berichte, in denen sich Vorwürfe und Rechtfertigungen gegenüberstanden. Gleichzeitig dehnte sich die Kritik an den Erziehungsmethoden auf andere Erziehungsheime in Hessen aus und mündete in der von Studenten und Schülern getragenen so genannten Heimbewegung. Vor verschiedenen Heimen fanden Demonstrationen statt. Schüler und Studenten organisierten Informationsveranstaltungen, so z.B. das "Schülerkomitee" der Geschwister-Scholl-Schule in Melsungen. Es veranstaltete Mitte Dezember 1969 im "alten Casino" in Melsungen eine Podiumsveranstaltung, zu der das Schülerkomitee neben einem Diplom-Psychologen, einem Vertreter des Instituts für Sonderschulpädagogik in Marburg und einer Sozialarbeiterin des Landeswohlfahrtsverbandes auch Ulrike Meinhof, eingeladen hatten. Sie hatte mit einer Sendung im Hessischen Rundfunk am 7.11.1969 den Anstoß für eine Demonstration der Melsunger Gymnasiasten in Guxhagen gegeben.
Am 16. Dezember 1969 wurde über die Presse erklärt, daß der Hessische Sozialminister eine grundsätzliche Überprüfung der Erziehungsheime eingeleitet und hierzu einen Beirat gebildet habe. Vier Jahre später, im Dezember 1973 wurde das Jugendheim Fuldatal als letztes geschlossenes Erziehungsheim in Hessen aufgelöst. Mit der Auflösung des Mädchenerziehungsheimes war nach fast 100 Jahren die Tradition der geschlossenen Anstalt Breitenau beendet.
Im Januar 1974 wurde auf dem Gelände ein offenes psychiatrisches Krankenhaus für etwa 80 Patienten eingerichtet. Zunächst handelte es sich um eine Außenstelle von Haina, seit 1982 von Merxhausen. Mit der Einrichtung dieses Krankenhauses wurden erstmals Türe und Tore geöffnet. Auch wenn es sich bei den Patienten wiederum um eine gesellschaftliche Randgruppe handelt, stellt die Einrichtung der offenen Psychiatrie den ersten wirklichen Einschnitt in die Tradition Breitenaus dar. Die Unterstützung und Integration dieser Menschen wird allerdings weiterhin eine wichtige und vermutlich auch schwierige Aufgabe bleiben, bei der unsere gesamte Gesellschaft gefordert ist.


 

aus: Gunnar Richter: Breitenau; Kassel 1993, S. 252ff


 

weiterführende Literatur: