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Die Dauerausstellung - eine Verbindung von Kunst und Geschichte
In der Gedenkstätte ist seit September 1992 eine Dauerausstellung zu sehen, die der Künstler Stephan
von Borstel erarbeitet und gestaltet hat. Als er 1990 mit seiner Arbeit begann, gab es in Breitenau
noch eine Ausstellung mit einem sehr dokumentarischen Charakter: In den weiß gestrichenen Räumen hingen
an den Wänden zahlreiche Tafeln mit Bildern und Texten zur Lagergeschichte; ergänzt wurden die
Informationen durch ein "Lagermodell", mehrere Vitrinen mit Originaldokumenten und verschiedene Relikte
aus der NS-Zeit.
Stephan von Borstel wollte einen vollkommen neuartigen Versuch in der Gestaltung der Gedenkstätte vornehmen.
Es sollte eine Ausstellung werden, die die Besucher nicht nur "über den Kopf" (durch Texte und Bilder
und andere Informationen) erreicht, sondern auch über Empfindungen, Gefühle und Assoziationen, die
durch die Gestaltung der Ausstellungsräume und die damit verbundene Atmosphäre ausgelöst werden. Es
sollte eine Ausstellung sein, die eine Einheit von historischer Information und künstlerischer Gestaltung
darstellt.
Bevor Stephan von Borstel mit der Neukonzeption begann, setzte er sich mit der Geschichte Breitenaus
auseinander und beschäftigte sich auch mit dem Gelände und den erhaltenen Räumlichkeiten. Aus den
gewonnenen Erkenntnissen und Eindrücken entwickelte er schließlich das Ausstellungskonzept: Um die neue
Ausstellung nicht mit historischen Informationen "zu überfrachten" und der künstlerischen Gestaltung
genügend Raum zu geben, wurde für Detailinformationen eine Info-Ecke im Foyerbereich eingerichtet;
dort befindet sich auch das Modell Breitenaus. Für weitere Informationen stehen außerdem der
Bibliotheks- und Arbeitsraum sowie der Medienraum zu Verfügung.
Für die vier Ausstellungsräume wurden von Stephan von Borstel vier Bereiche (Strukturen) aus der
Geschichte Breitenaus ausgewählt, die ihm während seiner Beschäftigung mit Breitenau als ganz besonders
wichtig und zentral aufgefallen sind. Im Mittelpunkt steht dabei Breitenau als Ort der
Ausgrenzung und Verfolgung von Menschen in der NS-Zeit, aber es werden auch Bezüge zur Zeit davor
und danach hergestellt. Schließlich - und das ist ein Ziel der Gedenkstättenarbeit in Breitenau -sollen
die Besucher dazu angeregt werden, sich über die Beschäftigung mit der NS-Zeit auch mit gegenwärtigen
Fragen und Problemen auseinanderzusetzen. Im Mittelpunkt stehen dabei Fragen der Gleichberechtigung,
(Mit)- Menschlichkeit und Toleranz.
Für die Gestaltung der Ausstellung benutzte Stephan von Borstel verschiedene Metalle (Blei, Eisen, Zink,
Kupfer), um z. B. Isolation, Kälte oder auch Wärme auszudrücken. In den farblich gestalteten und ganz
besonders ausgeleuchteten Räumen befinden sich Skulpturen und Installationen, die den Betrachter zu
eigenen Gedanken, Assoziationen anregen sollen. Gleichzeitig haben die vier Räume durch ihre
Gesamtgestaltung jeweils eine ganz besondere Atmosphäre, die auch sinnlich erfahrbar wird.
Um dies deutlich zu machen, soll der erste Ausstellungsraum etwas ausführlicher beschrieben werden:
In ihm wird Breitenau als langjähriger Ort der Ausgrenzung thematisiert, denn nicht nur während der NS-Zeit,
sondern schon lange davor und auch noch danach wurden dort Menschen eingesperrt. Die Bleiplatten an den
Wänden des Ausstellungsraumes wirken düster und kalt. In ihnen sind vom Künstler Einritzungen vorgenommen
worden, die an die Zellenwände in der Kirche erinnern, wo Gefangene in dieser Form ihre Hafttage zählten.
Oberhalb der Tür befinden sich auf Zinkplatten kurze Zitate von ehemaligen Gefangenen, in denen sie ihr
damaliges Leid, ihre Isolation und Hoffnungslosigkeit ausdrücken. Eine Photowand zeigt leerstehende
Zeilen und Etagen aus dem Mitteilschiff der Kirche, das Ende des letzten Jahrhunderts als Haftstätte
umgebaut wurde. In einem Ausstellungsraum wird aber auch der Gegensatz, der Kontrast, dargestellt: die
damals gleichzeitig existierende "heile Weht".
Wodurch kommt dieser Gegensatz wohl stärker zum Ausdruck,
als durch die doppelte Nutzung der Kirche, die im letzten Jahrhundert durch die Orgelwand in zwei
Teile getrennt wurde. Während der Mittelteil als Haftstätte diente, wurde der Ostteil (Chor und Querschiff)
als Gotteshaus für die evangelische Kirchengemeinde genutzt, dort wurde gesungen und gebetet. Die Bretter
der Installationen in der Mitte des Raumes und der Stein auf der Stele stammen aus der Kirche. Auch
das Licht der beiden farbigen Fenster im Ausstellungsraum erinnert an einen Kirchenraum, und eine
zweite Fotowand zeigt heutige Ansichten des Geländes. Sie wirken wie schöne Bilder eines altehrwürdigen
Klosters - wenn man es nicht wüsste, niemand käme auf die Idee hinter den Kirchenmauern ein ehemaliges
KZ zu vermuten.
So sind viele Besucher auch zunächst einmal fassungslos, wenn sie von dem unmittelbaren
Nebeneinander von Kirchenteil und Haftstätte erfahren. Es kommt ihnen unvorstellbar vor, dass so etwas
möglich gewesen sein kann: hier ein scheinbar normales Leben, die Menschen singen und beten und hören
Predigten von Nächstenliebe und hinter der Orgelwand, gleich nebenan, unter demselben Kirchendach,
großes Leid. Natürlich ist diese erste Reaktion verständlich aber vielleicht führt sie dann doch weiter
zu der Frage, ob es heute wirklich so ganz anders ist - ob nicht auch heute die "heile Welt" und Gewalt
und Ausgrenzung dicht beieinander liegen.
Der zweite Ausstellungsraum befasst sich mit dem bürokratischen Verfolgungsapparat, in den nicht nur die
Gestapo, sondern zahlreiche andere Institutionen einbezogen waren. In mehreren Vitrinen sind
Originalschriftstücke (Haftschreiben, Deportationsanweisungen etc.) aus den Gefangenenakten ausgelegt.
Bilder von BDM-Mädchen versinnbildlichen die "Normierung der Menschen" im Nationalsozialismus und
ein Zitat des Nazi-Juristen Best besagt, dass die Gestapo all diejenigen "unschädlich" machen sollte,
die diesen Normen nicht entsprachen. Gleichzeitig soll in diesem Ausstellungsraum deutlich gemacht
werden, dass Bürokratie - auch heute noch - immer die Gefahr der Entmenschlichung in sich trägt.
Im dritten Ausstellungsraum wird das "Arbeitserziehungslager" Breitenau als Straflager und als
Gestapo-Haftstätte thematisiert, aus dem viele Gefangene in Konzentrationslager deportiert wurden. In
dem düsteren Raum sind in einer Vertiefung Relikte aus der Lagerzeit ausgestellt, und in einer Vitrine
befinden sich Aufnahmebücher der Gefangenen. An den Wänden lehnen Eisenplatten mit den Grundrissen
derjenigen Konzentrationslager, in die Gefangene von Breitenau deportiert wurden.
Der letzte Ausstellungsraum ist den Verfolgten gewidmet und zeigt stellvertretend für die vielen Gefangenen
des Lagers die Schicksale von Ludwig Pappenheim, Kurt Finkenstein, der evangelischen Vikarin Katharina
Staritz und der jüdischen Ärztin Lilli Jahn, der Mutter des späteren Bundesjustizministers Gerhard
Jahn. Auf zwei Kupfertafeln sind außerdem die Namen der in Breitenau ums Leben gekommenen und ermordeten
Gefangenen verzeichnet. Aus den Lebensschicksalen der beiden Frauen und Männer wird ersichtlich, dass
sie sich dem NS-Staat nicht beugen wollten und für eine menschlichere Gesellschaft eintraten. Ihre
innere Stärke sollte uns auch heute ein Vorbild sein, und in diesem Sinne sind sie Hoffnungsträger für
eine menschliche Zukunft. Warme Farben und das wärmeleitende Kupfer geben dem Raum eine ruhige und
positive Atmosphäre.
(aus: Richter, Die Gedenkstätte Breitenau in Guxhagen bei Kassel, S.18-19.)
weiterführende Literatur:
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