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Einzelschicksale
Lilli Jahn - Konrad Trageser -
Lina Hirchenhein - Marilla
Mor
Lilli Jahn
Lilli Jahn wurde am 5. März 1900 als
Tochter jüdischer Eltern in Köln geboren. Aus wohlhabenden
Verhältnissen stammend, absolvierte sie als eines der wenigen
Mädchen der Zeit 1919 das Abitur. Fünf Jahre später schloss
sie ihr Medizinstudium mit einer Promotion in Köln ab und war danach an
verschiedenen Orten als Ärztin tätig. Die lebenslustige Frau
heiratete 1926 den Protestanten Ernst Jahn, mit dem sie in Immenhausen bei
Kassel eine gemeinsame Arztpraxis eröffnete. Das Ehepaar bekam vier
Töchter und einen Sohn. Gerhard Jahn, der Sohn, wurde später unter
der Regierung Willy Brandts Bundesjustizminister.
Mit der Machtübernahme der
Nationalsozialisten 1933 musste Lilli Jahn als Jüdin ihren Beruf aufgeben.
Freunde und Bekannte wandten sich ab und sie wurde in ihrer Umgebung immer
mehr isoliert. 1942 ließ sich ihr Ehemann von ihr scheiden. Als einzige
Jüdin in Immenhausen wurde Lilli Jahn 1943 aufgefordert, den Ort zu
verlassen und zog darauf mit ihren fünf Kindern nach Kassel. Wenige
Wochen später wurde sie von der Gestapo verhaftet. Sie hatte am
Klingelschild der neuen Wohnung den ihr aberkannten Doktortitel vor ihren
Namen gesetzt und den für jüdische Frauen verpflichtenden zweiten
Vornamen „Sara“ nicht hinzugefügt. Am 3. September 1943
wurde sie in das Arbeitserziehungslager Breitenau eingewiesen. Im
dortigen Hauptaufnahmebuch wird sie ebenfalls nicht als Ärztin, sondern
als Hausfrau geführt; ihr Doktortitel wird nicht erwähnt. In der
Haftzeit begann ein umfangreicher Briefwechsel mit ihren fünf Kindern,
die ihren Alltag nun weitestgehend allein organisieren mussten und hofften,
ihre Mutter bald wieder zu sehen. Lilli Jahn wurde jedoch am 17. März 1944
von Breitenau nach Auschwitz deportiert. Dort kam
sie am 17. oder 19. Juni 1944 ums Leben.
In der Dauerausstellung der
Gedenkstätte Breitenau wird seit 1993 an das
Schicksal von Lilli Jahn erinnert. Einer ihrer Enkel, Martin Doerry, hat die Briefe von Mutter und Kindern aus der
Haftzeit in Breitenau 2002 in einem Buch der
Deutschen Verlags-Anstalt veröffentlicht: „,Mein
verwundetes Herz‘. Das Leben der Lilli Jahn 1900-1944“
erzählt die Lebensgeschichte der Lilli Jahn anhand von
Originaldokumenten.
Hauptaufnahmebuch der Gefangenen
1895-1945, Archiv des LWV Hessen, Bestand 2 [Breitenau],
Nr. 7633
Konrad Trageser
Unter den Gefangenen des Arbeitserziehungs- und
Konzentrationssammellagers Breitenau befanden sich
auch katholische und evangelische Geistliche, die sich gegen das NS Regime
geäußert hatten.
Einer von ihnen war der
katholische Pfarrer Konrad Trageser aus Marbach bei Fulda. Im August 1941
wurde er von der Gestapo verhaftet. In einer Predigt hatte Konrad Trageser
gesagt: "Wichtiger als Orden und Ehrenzeichen ist die Erhaltung des
Seelenadels. Und christliche Werte sind wichtiger als militärische
Tugenden." Diese Äußerungen wurden ihm als "Zersetzung
der Wehrkraft des Deutschen Volkes" ausgelegt. Denunzianten zeigten ihn
an, und damit begann Pfarrer Tragesers Leidensweg. Nach Verhören bei der
Fuldaer Gestapo und im Fuldaer Untersuchungsgefängnis wurde er am 28.
August 1941 nach Breitenau "über
führt" und von dort am 2. Dezember 1941 nach Dachau deportiert.
Vor einigen Jahren begannen Schüler eines Wahlpflichtkurses der
Konrad-Adenauer-Schule in Fulda unter Anleitung ihres Lehrers, Günter
Sagan, den Leidensweg Konrad Tragesers zu erforschen. Sie besuchten dabei die
Gedenkstätte Breitenau und erkundigten sich
nach Unterlagen, nahmen Kontakt zur Gedenkstätte Dachau auf und
führten Gespräche mit Pfarrer Albinger
aus Poppenhausen, einem ehemaligen Mithäftling
Konrad Tragesers.
Schließlich stellten die Schüler eine Ausstellung zusammen, die
auf 13 Bild- und Texttafeln die Stationen seiner Verfolgung darstellt. Die
Arbeit wurde anlässlich der 1150-Jahrfeier der Gemeinde Petersberg
ausgezeichnet und befindet sich heute in deren Besitz.
In ihrer Ausstellung schildern
die Schüler auch das Ende des mutigen Pfarrers:
"Ein Unfall im Priesterblock sollte für ihn den Tod bedeuten. Er
schlief in einem Etagenbett in der mittleren Etage. Trageser stürzte
heraus, dabei zog er sich eine Schürfwunde zu. Er hatte Angst, ins
Krankenrevier zu gehen. Die Wunde wurde mangelhaft behandelt. Er wollte die
nächste Weihnachtsmesse halten. Der Schmerz der Wunde war so groß,
dass zwei priesterliche Mithäftlinge ihm beim Gang zum Appellplatz
helfen mussten. Blutvergiftung trat ein. Er kam in den Krankenbau. Nach
wenigen Tagen starb er dort am 14. Januar 1942. Die letzte Ölung wurde
ihm verweigert. Er wurde verbrannt, damit man die Todesursache nicht heraus finden konnte."
(aus: Richter, Die Gedenkstätte Breitenau in Guxhagen bei
Kassel, S.29. Siehe auch Günter Sagan: Pfarrer Konrad Trageser. Sein
Leben und Leiden. Petersberg 2010.)
Archiv des LWV Hessen, Bestand 2, [Breitenau], Nr. 7597.
Lina Hirchenhein

Lina Hirchenhein und ihre Familie wurden Opfer des
nationalsozialistischen Rassenwahns, der Menschen erster und zweiter Klasse
schuf: "Arier und Juden. Weil ihre Mutter aus einer jüdischen
Familie und ihr Vater aus einer "arischen" Familie stammte, war sie
in den Augen der Nazis ein so genannter "Mischling ersten Grades" -
und das, obwohl sie evangelisch getauft und christlich erzogen worden war.
Die Liebe zu einem "Deutschblütigen"
war ihr deshalb vom Gesetz verboten.
Doch da war Ferdinand Dietz, ihr Verlobter aus Wittgenborn.
Beide beschlossen, für immer zusammenzubleiben. Die Nürnberger
Gesetze verboten dem Paar jedoch die Heirat, die Geheime Staatspolizei
verlangte sogar die Trennung. Aber die Gefühle waren stärker als
die Gesetze. Im Juli 1936 brachte Lina einen Sohn zur Welt. Obwohl der Druck
immer stärker wurde, hielt ihr Verlobter zu ihr, nahm Arbeitslosigkeit
und Gefängnis in Kauf. Doch die Gestapo riss sie im März 1943
gewaltsam auseinander. Lina wurde ins Arbeitserziehungslager Breitenau gebracht, wo sie für drei Monate
inhaftiert war. Sie empfand hier den Hunger als am schlimmsten.
Weil ihre Mutter einen Brief mit der Bitte um eine Besuchserlaubnis bei ihrer
Tochter "mit deutschem Gruß" unterzeichnete, was ihr als
Jüdin verboten war, wurde auch sie für ein halbes Jahr in Breitenau eingesperrt. Ende Juni 1943 wurde Lina nach
Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort traf sie später auch ihre Mutter wie
der, die im Spätsommer 1944 in ihren Armen starb. Nach ihrer Befreiung
im Januar 1945 konnte sie nur noch wenige Monate lang gemeinsam mit Ferdinand
Dietz verbringen, der noch 1945 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam.
Wie bei vielen anderen ehemaligen Verfolgten, entstand auch bei ihr der
Wunsch, noch einmal die Stätten ihres Leidens aufzusuchen, und 1988
begleiteten sie Mitglieder der Evangelischen Kirchengemeinde auf ihrem Weg in
die Gedenkstätte Breitenau und nach Auschwitz.
(aus: Richter, Die Gedenkstätte Breitenau in
Guxhagen bei Kassel, S. 31.)
Marilla Mor
Als vor einigen Jahren Frank Mann, ein Mitarbeiter der Gedenkstätte,
in Israel nach ehemaligen Gefangenen suchte, begegnete er Marilla
Mor. Sie hatte lange Jahre nicht an Breitenau gedacht. "Selbst mit meiner Freundin in
den USA, die ebenfalls in Breitenau inhaftiert war,
habe ich nie darüber gesprochen." Aus ersten Kontakten wurden lange
Gespräche, und es entwickelte sich ein Vertrauensverhältnis.
Schließlich folgte sie im April 1993 sogar einer Einladung nach Breitenau. Sie hatte sich nicht vor
stellen können, hierher zurückzukehren, an den Ort, wo sie
gelitten hatte, geschlagen wurde und selbst als Kranke weiter arbeiten
musste.
Marilla
Mor wurde 1925 in Ozorkow
in Polen geboren. Ihre jüdischen Eltern betrieben dort einen
Großhandel. Als sie 15 Jahre alt war, wurde sie mit ihrer Familie nach
Lodz umgesiedelt. Von dort aus haben die Nazis ihre ganze Familie
verschleppt, und keiner außer ihr hat den Holocaust überlebt. Nur
dadurch, dass sie sich mit falschen Papieren als christliche Polin ausgab und
sich zum Arbeitseinsatz nach Deutschland meldete, entging sie dem Tod in den
Ghettos und Vernichtungslagern. Als 19-jährige wurde sie
schließlich "auf Transport" nach Kassel geschickt, wo sie bei
der Firma Henschel erst als Dolmetscherin, später in der Küche und
Kantine für Zwangsarbeiter arbeitete. Weil sie immer ihre Wurstrationen
gegen Kartoffeln eintauschte und nie Post von Zuhause bekam, haben ihre
Landsleute sie verdächtigt, Jüdin zu sein. Sie wurde verhaftet,
verhört und gefoltert und im Dezember 1944 nach Breitenau
gebracht. Kurz vor Kriegsende wurde das Arbeitserziehungslager Breitenau von der Gestapo aufgelöst, und die
Gefangenen wurden "in Marsch gesetzt". Marilla
Mor gelang es, mit einigen anderen Gefangenen zu
fliehen und sich im Wald zu verstecken, bis die Amerikaner die Gegend
befreiten.
1949 wanderte sie mit ihrem Mann nach Israel aus. Sie lebt heute in Tel Aviv.
(aus: Richter, Die Gedenkstätte Breitenau in
Guxhagen bei Kassel, S. 31.)
(Barbara Elsas)
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