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Einzelschicksale

Lilli Jahn - Konrad Trageser - Lina Hirchenhein - Marilla Mor


 

Lilli Jahn

Text folgt

Lilli Jahn  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Konrad Trageser

Unter den Gefangenen des Arbeitserziehungs- und Konzentrationssammellagers Breitenau befanden sich auch katholische und evangelische Geistliche, die sich gegen das NS Regime geäußert hatten.
Konrad Trageser Einer von ihnen war der katholische Pfarrer Konrad Trageser aus Marbach bei Fulda. Im August 1941 wurde er von der Gestapo verhaftet. In einer Predigt hatte Konrad Trageser gesagt: "Wichtiger als Orden und Ehrenzeichen ist die Erhaltung des Seelenadels. Und christliche Werte sind wichtiger als militärische Tugenden." Diese Äußerungen wurden ihm als "Zersetzung der Wehrkraft des Deutschen Volkes" ausgelegt. Denunzianten zeigten ihn an, und damit begann Pfarrer Tragesers Leidensweg. Nach Verhören bei der Fuldaer Gestapo und im Fuldaer Untersuchungsgefängnis wurde er am 28. August 1941 nach Breitenau "über führt" und von dort am 2. Dezember 1941 nach Dachau deportiert.
Vor einigen Jahren begannen Schüler eines Wahlpflichtkurses der Konrad-Adenauer-Schule in Fulda unter Anleitung ihres Lehrers, Günter Sagan, den Leidensweg Konrad Tragesers zu erforschen. Sie besuchten dabei die Gedenkstätte Breitenau und erkundigten sich nach Unterlagen, nahmen Kontakt zur Gedenkstätte Dachau auf und führten Gespräche mit Pfarrer Albinger aus Poppenhausen, einem ehemaligen Mithäftling Konrad Tragesers.
Schließlich stellten die Schüler eine Ausstellung zusammen, die auf 13 Bild- und Texttafeln die Stationen seiner Verfolgung darstellt. Die Arbeit wurde anlässlich der 1150-Jahrfeier der Gemeinde Petersberg ausgezeichnet und befindet sich heute in deren Besitz.
Deportation nach Dachau In ihrer Ausstellung schildern die Schüler auch das Ende des mutigenPfarrers:
"Ein Unfall im Priesterblock sollte für ihn den Tod bedeuten. Er schlief in einem Etagenbett in der mittleren Etage. Trageser stürzte heraus, dabei zog er sich eine Schürfwunde zu. Er hatte Angst, ins Krankenrevier zu gehen. Die Wunde wurde mangelhaft behandelt. Er wollte die nächste Weihnachtsmesse halten. Der Schmerz der Wunde war so groß, dass zwei priesterliche Mithäftlinge ihm beim Gang zum Appellplatz helfen mussten. Blutvergiftung trat ein. Er kam in den Krankenbau. Nach wenigen Tagen starb er dort am 14. Januar 1942. Die letzte Ölung wurde ihm verweigert. Er wurde verbrannt, damit man die Todesursache nicht heraus finden konnte."

 

Lina Hirchenhein

Lina Hirchenhein vor der Gedenkstätte

Lina Hirchenhein und ihre Familie wurden Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns, der Menschen erster und zweiter Klasse schuf: "Arier und Juden. Weil ihre Mutter aus einer jüdischen Familie und ihr Vater aus einer "arischen" Familie stammte, war sie in den Augen der Nazis ein so genannter "Mischling ersten Grades" - und das, obwohl sie evangelisch getauft und christlich erzogen worden war. Die Liebe zu einem "Deutschblütigen" war ihr deshalb vom Gesetz verboten.
Doch da war Ferdinand Dietz, ihr Verlobter aus Wittgenborn. Beide beschlossen, für immer zusammenzubleiben. Die Nürnberger Gesetze verboten dem Paar jedoch die Heirat, die Geheime Staatspolizei verlangte sogar die Trennung. Aber die Gefühle waren stärker als die Gesetze. Im Juli 1936 brachte Lina einen Sohn zur Welt. Obwohl der Druck immer stärker wurde, hielt ihr Verlobter zu ihr, nahm Arbeitslosigkeit und Gefängnis in Kauf. Doch die Gestapo riss sie im März 1943 gewaltsam auseinander. Lina wurde ins Arbeitserziehungslager Breitenau gebracht, wo sie für drei Monate inhaftiert war. Sie empfand hier den Hunger als am schlimmsten.
Weil ihre Mutter einen Brief mit der Bitte um eine Besuchserlaubnis bei ihrer Tochter "mit deutschem Gruß" unterzeichnete, was ihr als Jüdin verboten war, wurde auch sie für ein halbes Jahr in Breitenau eingesperrt. Ende Juni 1943 wurde Lina nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort traf sie später auch ihre Mutter wie der, die im Spätsommer 1944 in ihren Armen starb. Nach ihrer Befreiung im Januar 1945 konnte sie nur noch wenige Monate lang gemeinsam mit Ferdinand Dietz verbringen, der noch 1945 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam.
Wie bei vielen anderen ehemaligen Verfolgten, entstand auch bei ihr der Wunsch, noch einmal die Stätten ihres Leidens aufzusuchen, und 1988 begleiteten sie Mitglieder der Evangelischen Kirchengemeinde auf ihrem Weg in die Gedenkstätte Breitenau und nach Auschwitz.

 

Marilla Mor

Als vor einigen Jahren Frank Mann, ein Mitarbeiter der Gedenkstätte, in Israel nach ehemaligen Gefangenen suchte, begegnete er Marilla Mor. Sie hatte lange Jahre nicht an Breitenau gedacht. "Selbst mit meiner Freundin in den USA, die ebenfalls in Breitenau inhaftiert war, habe ich nie darüber gesprochen." Aus ersten Kontakten wurden lange Gespräche, und es entwickelte sich ein Vertrauensverhältnis. Schließlich folgte sie im April 1993 sogar einer Einladung nach Breitenau. Sie hatte sich nicht vor stellen können, hierher zurückzukehren, an den Ort, wo sie gelitten hatte, geschlagen wurde und selbst als Kranke weiter arbeiten musste.
Marialla Mor Marilla Mor wurde 1925 in Ozorkow in Polen geboren. Ihre jüdischen Eltern betrieben dort einen Großhandel. Als sie 15 Jahre alt war, wurde sie mit ihrer Familie nach Lodz umgesiedelt. Von dort aus haben die Nazis ihre ganze Familie verschleppt, und keiner außer ihr hat den Holocaust überlebt. Nur dadurch, dass sie sich mit falschen Papieren als christliche Polin ausgab und sich zum Arbeitseinsatz nach Deutschland meldete, entging sie dem Tod in den Ghettos und Vernichtungslagern. Als 19-jährige wurde sie schließlich "auf Transport" nach Kassel geschickt, wo sie bei der Firma Henschel erst als Dolmetscherin, später in der Küche und Kantine für Zwangsarbeiter arbeitete. Weil sie immer ihre Wurstrationen gegen Kartoffeln eintauschte und nie Post von Zuhause bekam, haben ihre Landsleute sie verdächtigt, Jüdin zu sein. Sie wurde verhaftet, verhört und gefoltert und im Dezember 1944 nach Breitenau gebracht. Kurz vor Kriegsende wurde das Arbeitserziehungslager Breitenau von der Gestapo aufgelöst, und die Gefangenen wurden "in Marsch gesetzt". Marilla Mor gelang es, mit einigen anderen Gefangenen zu fliehen und sich im Wald zu verstecken, bis die Amerikaner die Gegend befreiten.
1949 wanderte sie mit ihrem Mann nach Israel aus, mit dem sie heute in Tel Aviv lebt.
(Barbara Elsas)