Übersicht
 
Gedenkstätte

außerschulisches Lernen Ausstellung
Wege des Gedenkens
Förderverein
Rundbrief
Kontakt / Impressum
Anfahrt / Zeiten

 
Aktuelles
 
Geschichte

bis 1874
ab 1874
1933/34
1940-45
Einzelschicksale
1945
nach 1945
1952-73

 
Publikationen
 
Links
 
 
English Information
 
 

Jugendliche und Kinder als Gefangene
 

Isolierzelle im Gefängnistraktzelle

Ein großer Teil der Gefangener in den nationalsozialistischen Lagern waren ganz junge Menschen: Jugendliche und sogar noch Kinder. Die meisten Gestapo-Gefangenen in Breitenau während des Krieges waren zwischen 17 und 25 Jahre alt. Der jüngste Gefangene, der in den Unterlagen verzeichnet ist, war bei seiner Einweisung gerade 12 Jahre alt. Er hieß Nikolai S. und stammte aus einem sowjetischen Dorf namens Tawoschanka Am 31. März 1943 wurde Nikolai gemeinsam mit seiner Mutter, seinem Vater und seinen beiden Brüdern Iwan und Wasily in das Lager Breitenau eingewiesen. Vorher waren sie alle in einem nordhessischen Dorf als Zwangsarbeiter verpflichtet.
Unter den Gefangenen, die von Breitenau in die SS-Konzentrationslager deportiert wurden, befanden sich ebenfalls Jugendliche. So zum Beispiel Irma T., die am 10. Dezember 1943, als sie gerade 14 Jahre alt war, von Breitenau mit einem Transport in das Konzentrationslager Auschwitz kam.
Andere jugendliche Gefangene kamen von Breitenau in die Jugend-Konzentrationslager Moringen (bei Göttingen) oder Uckermark (bei Berlin).
Jugendliche als Zwangsarbeiter Wer aus Breitenau wieder entlassen wurde, musste anschließend die Zwangsarbeit fortsetzen; mit all den Qualen, die damit verbunden waren. Viele der ehemaligen Gefangenen leben noch. Zum Teil kommen sie heute ins Rentenalter. Und viele von ihnen sind bis zum heutigen Tag von der damaligen Verfolgung gezeichnet. Für uns liegt das Geschehen scheinbar weit zurück, für sie ist es ein Teil ihres Lebens. Aber nicht nur in seelischer und körperlicher Hinsicht reichen die Auswirkungen bis in die Gegenwart, sondern auch in Amtsstuben werden die ehemaligen Gefangenen von ihrer Vergangenheit eingeholt. Wer beispielsweise seine Rente beantragen muss, braucht eine Bescheinigung seiner "Haftzeit".
Was mag wohl in Nikolai vorgehen, wenn er jetzt, nach über 40 Jahren, eine deutsche Behörde darum bitten muss, ihm eine solche Bescheinigung auszustellen?
Im Winter 1943 war Herr L., ein ehemaliger holländischer Gefangener, einer Arbeitskolonne zugeteilt. Er erinnert sich an einen jugendlichen Mitgefangenen: "Es handelte sich um einen 16jährigen russischen Jungen, "ein halbes Kind". Er war mit zu den Aufräumungsarbeiten in der Horst-Wessel-Straße eingesetzt. Als sie die Trümmer eines zerbombten Hauses beseitigten, fand dieser Junge zwischen den Steinen einen Vorhangstoff. Er zerriss ihn und wickelte ihn um seine frierenden Füße, einen Teil stopfte er in seine Schuhe. Das alles wurde plötzlich von einer deutschen Frau, der ehemaligen Wohnungsbesitzerin, bemerkt. Sie fing an zu schreien: "Der bestiehlt mich!"
Zwangsarbeiter bei Aufräumungsarbeiten in Kassel Der Junge wurde daraufhin von einer Aufseherin in Arrest genommen. Am nächsten Tag fand ein großer Appell statt. Der Junge hatte einen Spaten in der Hand und musste, während die anderen Gefangenen drum herum standen, sein Grab schaufeln. Er stand schließlich in der Grube, schaufelte und schrie dabei ganz fürchterlich. Den Mitgefangenen schlotterten die Beine. Sie alle hatten ganz furchtbare Angst. Als der Junge mit dem Graben fertig war, musste er sich an den Rand des Grabes stellen. Der Aufseher nahm ein Gewehr, zielte auf ihn - aber es fiel kein Schuss. Der Aufseher hatte nicht abgedrückt; er wollte den Jungen "nur" in Todesangst versetzen. Diese Prozedur wiederholte er noch zweimal, dann war die "Bestrafung" erledigt. Herr L. sagte anschließend zu mir: "Wir haben ja nicht gewusst, dass die keinen erschießen durften. Aber war das nicht genauso schlimm?! Ja, ermordet haben sie keinen, als ich dort war - aber das . . .?"


 

(aus: Richter, Die Gedenkstätte Breitenau in Guxhagen bei Kassel, S.12-13)


Weitere Informationen:
- "Arbeitserziehungs-" und Konzentrationssammellager Breitenau 1940-1945
- Breitenau - Teil eines riesigen Verfolgungsapparates